Zeit der Zweifel

Versuch einer zeitlichen Verortung der Ausstellung „Supercooling“

von Mario Kliewer

Die Zeichnung ist von verführerischer Eleganz. Zwei schwarze Bänder winden sich umeinander, verbunden durch schmale Stege, die chemische Verbindungen symbolisieren. Eine schwarze Doppelhelix auf weißem Grund: die Zeichnung der Desoxyribonukleinsäure (DNA), die 1953 in der Wissenschaftszeitschrift Nature erschien, war von schlichter Schönheit.
Odile Crick, die Künstlerin, deren Mann Francis Crick einer der Entdecker der DNA war, zeichnete die Doppelhelix im goldenen Schnitt. Der Grundbaustein des Lebens, so die Botschaft, ist von Harmonie und
Symmetrie geprägt. Zugleich strahlt die schwarz-weiße Ästhetik der Zeichnung eine funktionale Rationalität aus. Kunst und Wissenschaft gingen eine selten einmütige Verbindung ein.
Odile und Francis Crick erreichten zweierlei. Sie gaben – einerseits – der wissenschaftlichen Community ein neues „Totem“ (Franklin). Die Biologie wurde, allerspätestens mit der Etablierung des Human Genom Projects 1990, zu einer neuen Leitwissenschaft.
Andererseits gaben sie der DNA ein für Laien attraktives kulturelles Gesicht. Farb- und Formgebung der Zeichnung entsprachen dem ästhetischen Geschmack der 1950er und 60er. Und ihr „Nicht-Stil“ (Kemp) suggerierte wissenschaftliche Objektivität und Neutralität. Bis in die 1980er waren Schwarz, Weiß und Grau die Grundfarben populärer wissenschaftlicher Darstellungen.
Das änderte sich mit der Entwicklung neuer Computer- und Drucktechniken, die schnell auch innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses angenommen wurden. Visuelle Darstellungen wissenschaftlicher Phänomene wurden nun farbiger und abwechslungsreicher. Zudem explodierte die Quantität bildlicher Vermittlung. Kaum ein wissenschaftlicher Vortrag, der heute noch ohne interaktive Präsentationsmedien auskommt. Und auch wissenschaftliche Poster spielen eine wichtige Rolle: symbolische Visualisierung von Forschungsvorhaben auf Postergröße erleichtert Wissenschaftlern einen schnellen Austausch mit Gleichgesinnten. Innerhalb den Naturwissenschaften ist der visual turn also längst Alltag.
Was aber können Laien aus diesen Postern herauslesen? Odile Cricks Zeichnung schaffte noch scheinbar mühelos den Übergang zu Kunst und Popkultur. An diesem Übergang jedoch melden die Macher der Ausstellung Supercooling Zweifel an. Können wissenschaftliche Poster mehr sein als innerdiskursive Medien? Und wenn ja, was sehen Laien darin? Die Doppelhelix begleitete eine, für das 20. Jahrhundert typische Wissenschaftsbegeisterung und -gläubigkeit, die heute
immer weniger Menschen teilen. „Supercooling“ ist demnach nicht nur der Phasenübergang von Wissenschaft zu Kunst. „Supercooling“ kann im Wortsinn auch als unterkühltes Verhältnis zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen gelesen werden. Denn die Zweifel an Sinn und Zweck wissenschaftlicher Forschungsprojekte häufen sich. Zweifel, die in hohem Maße in mangelnder Kommunikation begründet sind. Hier leistet die Ausstellung Vermittlungsarbeit. Indem sie versucht, gewisse Inhalte zu kommunizieren. Aber vor allem, indem sie zunächst durch ihre Verfremdung wissenschaftlicher Poster auf deren Unverständlichkeit hinweist. Indem sie also zeigt, dass die Zweifel ernst genommen werden. „Supercooling“ regt zum Dialog an um Unterkühlung aufzuheben. Die Kunstwerke in der Ausstellung können als Phänomene eines Phasenübergangs gelesen werden. Die Ausstellung selbst als Projekt einer Übergangsphase, mit dem Ziel einer Kommunikation zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen auf Augenhöhe.

Verwendete Literatur: Heßler, Martina: Doppelhelix (Die Karriere eines Wissenschaftsbildes), in: Paul, Gerhardt (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder (Band II: 1949 bis heute), Göttingen 2008

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